Was gesund macht

Die Grenzen des Wachstums

im Gesundheitswesen

Kann man mit Krankheiten Gewinne erwirtschaften? 

Fördert die Ökonomisierung patientenbezogener Entscheidungen die Gesundheit?


Der Zahnarzt, der immer ein wenig Karies drin lässt damit der Patient wieder kommt, denkt gewinnorientiert. Derjenige der alles entfernt stellt das Wohl des Patienten über seine kurzfristigen finanziellen Interessen.


Es braucht viel Berufsethik, damit aus einem Arzt ein guter Arzt wird. Ein guter Kaufmann hingegen priorisiert stets die Gewinne seines Arbeitgebers, seine Berufsethik ist von der des Arztes grundverschieden.  


Wenn Betriebswirte, statt Ärzte, Krankenhäuser leiten und plötzlich alle Patienten gesund werden würden, dann kann das der Betriebswirt gar nicht zulassen, weil das Krankenhaus dadurch Pleite gehen würde und er damit gegen seine Berufsethik verstoßen hätte.


Nach der Jahrtausendwende wurde das deutsche Gesundheitswesen grundlegend reformiert. Ausgehend von Ökonomen wie Peter Drucker und seiner Idee von der Privatisierung sämtlicher Bereiche, dem „Management by objectives“, und Peters & Watermans „In Search of Excellence" haben Gesundheitsökonomen der SPD wie Ulla Schmidt und Karl Lauterbach die Letztentscheidungsbefugnis in den Krankenhäusern von den Ärzten auf die Betriebswirte verlegt. Die große Koalition hat, trotz Pflegenotstand und Ärztemangel, daran nichts geändert. Dieses Handeln ist wirtschaftlich sinnvoll und auch erfolgversprechend. 


Jeder Betriebswirtschaftsstudent lernt, dass es zwei wesentliche Theorien zum menschlichen Verhalten gibt, die eine betrifft den Verkauf und die andere die Produktion. 

Im Verkauf sind die Privathaushalte die Kunden. Die Wissenschaft interessiert sich für die Absichten, Einstellung und Wünsche der Privathaushalte, sofern sie als Käufer auftreten. Hierzu gibt es eine intensive Forschung, damit finanzieren sich Facebook und andere Konzerne. 

Auf der Produktionsseite sind die Privathaushalte die Lieferanten von Arbeit. Warum sich ein Lieferant für oder gegen einen Arbeitgeber entscheidet, spielt für die Betriebswirtschaftslehre keine Rolle, solange von allen Lieferanten noch genügend Arbeit geliefert wird. Man beschränkt sich darauf die Löhne solange zu senken, bis die Haushalte gezwungen sind genügend Arbeit anzubieten. Lohnsenkung erhöht das Angebot an Arbeit, das ist noch immer der aktuelle Stand der Forschung! 

So wenig, wie man sich über die Qualität der Produkte Gedanken macht, solange es noch Absatz gibt, so wenig interessiert die seelische Verfassung der Lieferanten, solange sie noch Arbeit liefern. 

Dass ausgebrannte Gesundheitsdienstleister in den Krankenhäusern keine hochwertige kurative Arbeit leisten können, spielt also keine Rolle, solange es genügend Kranke gibt, die Gesundheitsleistungen einkaufen müssen. Qualitätsabstriche bei der kurativen Tätigkeit wiederum erhöhen sogar die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen und sind daher ökonomisch betrachtet durchaus sinnvoll! 


Niemand scheint diese Widersprüche zu bemerken. 


Dabei ist bereits das Wort „Gesundheitsökonomie“ ein Oxymoron, weil sich Gewinne nur durch Krankheit und nicht durch Gesundheit erwirtschaften lassen. Eine gesunde Bevölkerung braucht keine Ärzte und auch keine Krankenhäuser. Das, was restlos gesund macht, bereichert nur den Patienten und nicht den Ökonomen. Jeder Kaufmann, der den gesundheitlichen Vorteil seines Kunden vor seinem eigenen finanziellen Vorteil priorisiert, handelt daher fahrlässig! 


Aus diesem Grund hat man vor mehr als 2000 Jahren den Hippokratischen Eid erfunden und alle Ärzte an ihn gebunden. Mit der Ökonomisierung patientenbezogener Entscheidungen ist die Menschheit in die Zeit vor Hippokrates zurückgefallen. Die Marktforschung und mit ihr die führenden Gesundheitsökonomen hingegen glauben, dass ihre Wissenschaft sie jeden Tag schlauer macht, je mehr sie über die Wünsche der Verbraucher wissen. 


Doch wie lassen sich die unterschiedlichen Ziele miteinander amalgamieren?